Schwester Angelika Grosenick

»Es war nie mein Wunsch, in einem Pflegeheim zu arbeiten. Aber dann bin ich hier »hängengeblieben« und habe mich irgendwann damit identifiziert.«

Schwester Angelika Grosenick ist Schwester der Schwesternschaft der Evangelischen Frauenhilfe, Pflegefachkraft und Praxisanleiterin und arbeitet hier seit 1991.

Schwester Angelika, wie kam es, dass Sie hierher fanden …
Eigentlich war mein ursprünglicher Berufswunsch Floristin oder Laborantin. Weil ich der Kirche angehörte und mich bei Pionieren und FDJ nicht beteiligte, konnte ich dies nicht verwirklichen. Durch Vermittlung meiner Eltern habe ich dann hier im Haus 1986 ein Berufsvorjahr gemacht, heute nennt sich das Berufsfindungsjahr, und trat im Anschluss daran in die Schwesternschaft der Evangelischen Frauenhilfe ein. Mit elf anderen Schülerinnen habe ich damals hier gewohnt und dadurch einen sehr engen Bezug zum Haus bekommen. Ich ließ mich dann in Genthin in Sachsen-Anhalt zur Krankenschwester ausbilden und arbeitete zunächst auch dort. Es war nie mein Wunsch, in einem Pflegeheim zu arbeiten. Tröpfe anlegen, Spritzen geben, ja, das war »meins«.

… und geblieben sind?
Dass ich dann doch wieder hierherkam, lag daran, dass ich wieder in den Norden zurückwollte. Der Zufall ergab es, dass hier gerade jemand gebraucht wurde, eine  Wohnung war auch frei, so habe ich hier angefangen, als Krankenschwester in der Altenpflege. »Dann siehst du weiter«, dachte ich zunächst, habe noch mal für kurze Zeit in den Rettungsdienst »reingeschnuppert«. Schließlich bin ich hier »hängengeblieben«, habe meinen Mann kennen gelernt und Kinder bekommen, wie das dann so ist.  Und irgendwann habe ich mich dann hiermit identifiziert.

Was hat sich für Sie denn verändert, seit Sie das Haus vor 30 Jahren kennen lernten?
Den Neubau gab es damals noch nicht, nur den Altbau und das Wichernhaus, das heute nicht mehr steht. Dreißig ältere Menschen lebten zu der Zeit hier nur, im Vergleich zu heute wesentlich jünger und rüstiger. Die Tendenz war damals, früher ins Heim zu gehen. Das Ganze erschien uns familiärer und überschaubarer, das Gemeinschaftsleben ausgeprägter. Sicher, der Komfort war wesentlich geringer, Pflegebetten gab es nur vereinzelt, Toiletten und Duschen befanden sich auf den Fluren. Allerdings hatten fast alle Einzelzimmer. Die Bewohner entschieden sich damals bewusst für ein christliches Haus, sie haben ihren Glauben wirklich gelebt und das gemeinsame geistige Leben – Abendsingen, Gebete, Andachten – besaß einen größeren Stellenwert als heute.

Was macht für Sie heute noch den christlichen Charakter des Hauses aus?
Gebete zu den Mahlzeiten, Andachten, Abendsingen – das gehört nach wie vor zu unserem Leben‚ findet aber weniger statt. Die Mitarbeitenden tun sich damit bisweilen auch schwer, ist doch die Mehrheit unter ihnen ohne kirchliche Bindung aufgewachsen. Aus der Losung vorzulesen, da bestehen dann bisweilen Hemmschwellen. Um dem abzuhelfen, bietet die Oberin seit diesem Jahr einen Glaubenslehre-Kurs für Mitarbeitende an, die den christlichen Glauben näher kennen lernen wollen. Ja, da hadere ich manchmal mit mir, klaffen doch Anspruch und Wirklichkeit im täglichen Ablauf oft auseinander. Bei der Zeitnot, die oft herrscht, gehen die Gebete auch mal unter.
Ganz wichtig: die Aussegnung. Bevor der Bewohner, die Bewohnerin stirbt, kommt, wenn gewünscht, noch mal der Pastor oder die Pastorin, reicht das Abendmahl, liest aus der Bibel vor. Wir machen die Verstorbenen zurecht, waschen sie, kleiden sie an, wer möchte, kann sich im Rahmen einer Aussegnungsfeier von ihnen verabschieden. Wir legen auch viel Wert darauf, die Menschen im Sterbeprozess bei uns im Heim zu begleiten, statt sie noch ins Krankenhaus zu verlegen. 

Sie bilden seit 2000 auch junge Menschen aus, Sie sind »Praxis-Anleiterin« für jene, die Altenpflegerin, Pflegehelfer, Betreuungskraft werden wollen. Was hat sich da für Sie im Laufe der Jahre geändert? Und was sollten Berufseinsteiger mitbringen – außer einem guten Schulzeugnis?
Die jungen Leute haben sich weniger verändert. Einen großen Unterschied gibt es zwischen jenen, die direkt nach der Schule zu uns kommen und zum Teil doch noch recht blauäugig sind, und denjenigen, die schon Berufs- und Lebenserfahrungen mitbringen, die sogenannten Quereinsteiger.  
Gefragt ist auf jeden Fall Offenheit, auch ein bisschen Mut, Nähe zuzulassen, auch körperliche. Das muss man erst einmal lernen. Ich bin immer froh, wenn jemand schon einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht hat oder ein Praktikum im Pflegebereich, und sei es nur eine Woche, im Rahmen des Schulpraktikums etwa. Wenn man Augen und Ohren offen hat, bekommt man schon eine Menge mit.
Sehr wichtig: Verlässlichkeit. In der Pflege sind die Menschen von uns abhängig, wir arbeiten miteinander, da muss man sich aufeinander verlassen können.

Warum sollte jemand einen Beruf in der Pflege ergreifen?
Menschen brauchen Menschen. Ältere, pflegebedürftige Menschen besonders, denn sie sind abhängig von uns. Wenn ich mit Menschen arbeiten möchte und Geduld, Ausdauer, Pflichtgefühl und Liebe mitbringe, dann ist Pflege etwas für mich. Es gibt Tage, an denen ich viel zurückbekomme, an anderen Tagen weniger. Aber der Ausgleich ist da. So kann ein persönliches Gespräch mit einem Bewohner den Arbeitsalltag bereichern. Und eine gute Zusammenarbeit im Team ist wichtig. Wenn es im Team stimmt, kann man viel kompensieren, was mal nicht so läuft.

Was ist wichtig im Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern?
Nicht alle Bewohner haben dieselben Interessen und Bedürfnisse, nicht alle möchten und können bis zuletzt aktiv sein. Eine Bewohnerin zum Beispiel möchte an keiner Veranstaltung mehr teilnehmen, sie ist zufrieden, wenn sie im Aufenthaltsraum, unserem »Dorfplatz«, in ihrem Sessel sitzen und das tägliche Geschehen beobachten kann, damit ist sie glücklich. Wir versuchen natürlich immer, jemanden zu motivieren, zu fragen: »Wollen Sie nicht doch mal mitkommen?« Wenn es nicht geht, dann ist es so. Aber um einschätzen zu können, wer vielleicht doch einfach noch einen kleinen »Schubs« braucht, muss man die Bewohner sehr gut kennen.

Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, wie Sie im Alter einmal leben wollen?
Ja! Aber weniger ernstlich, mit Freunden haben wir ein bisschen gesponnen, wir wollen mal eine Alters-WG aufmachen. Das fände ich schön, wenn man mit den Menschen zusammenleben kann, die man gerne hat.

Interview: Beate Schneppen, 2016